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Gender-Diversität und Gender-Neutralität sind zwei Konzepte aus den Kulturwissenschaften, aber wie relevant sind sie für unsere Gesellschaft? Wie kommen wir zu weniger Diskriminierung und mehr Gleichheit? Der Versuch einer Annäherung. #Kulturwissenschaft #Bildung #Diversity #Equality
Kolumne

Gender-Diversität und Gender-Neutralität was ist eigentlich ideal?

Beim Thema Gender geht es oft um Sichtbarkeit. Indem man seine eigene Gender-Rolle ausperformt, macht man sie sichtbar und fordert gleichzeitig einen Platz in der Gesellschaft dafür. Nun gibt es aber auch diejenigen, die diese Sichtbarkeit fürchten, diejenigen, die in der Masse untergehen möchten und die sich wünschen, dass es egal wäre, welche Gender-Identität sie haben. Anders herum funktioniert das natürlich auch. Es gibt diejenigen, die eine bunte, sichtbare Gender-Kultur toll finden und diejenigen, die auf ein “ich bin schwul und das ist gut so” nur die Achseln zucken und sagen: “ist mir egal, Hauptsache du machst deinen Job gut.” Und genauso gibt es auch in den Kulturwissenschaften Argumente für Gender-Diversität und Gender-Neutralität. Was von beiden nun eigentlich das höhere Ideal ist, darüber möchte ich heute mit dir nachdenken

Was ist Gender-Diversität

Einer der großen Namen in der Gender-Forschung ist nach wie vor Judith Butler. Tatsächlich stammen von ihr wichtige Konzepte zum Thema Diversität, aber sie war nicht die erste, die auf die Idee kam, die binären Geschlechterrollen – also Mann/Frau zu hinterfragen. Zum Beispiel war da R.W. Connell ​(Connell, 1987)​, eine australische Soziologin, die schon vor Butler ​(Butler, 1991)​ Ansätze dazu entwickelt hat. Sie betrachtete vor allem die Machtdimension von Gender und kam – ähnlich wie Butler darauf, dass das auf diesem Dualismus gegründete System aufgebrochen werden sollte. Nun hat Connell eine primär soziologische Perspektive. Es geht um Systeme und Machtbeziehungen.

Bei Butler ​(Butler, 1991)​ geht es hingegen um Identitäten und deren kulturelle Wurzeln. Denn für sie ist klar, dass Begriffe wie Geschlecht und Geschlechtsidentität zu stark von angeblichen biologischen Gegebenheiten geprägt sind. Sie führt also einen dritten Begriff ein, den der Geschlechterperformanz. Eine tolle Sache. Jeder kann selbst wählen, wie er sein Gender performen möchte. Von der totalen kulturellen Prägung weg zur totalen Selbstbestimmung. Klasse! Der einzige Haken: Durch die Überwindung des Identitätsbegriffs, nimmt Butler dem ganzen die Innerlichkeit. Etwas polemisch könnte man behauten, dass, wer sein Gender nicht performt, halt ewig in der von ihr so verschrienen “heteronormativen Matrix” gefangen bleibt. Und wer möchte seit “Matrix” schon gern noch in einer Matrix​*​ gefangen sein?

Was ist Gender-Neutralität

Ein anderer Ansatz in der Diskussion um Gender-Diversität und Gender-Neutralität ist der, der nicht die Gender Performanz ins Zentrum rückt, sondern einen Zustand, indem es egal ist, welche Gender-Eigenschaften man hat oder performt oder auch nicht performt. Ich nenne das mal Neutralität, aber der Begriff ist eigentlich blöd, denn es geht nicht darum, neutral zu sein, sondern darum, dass Gender egal ist. Egalität geht aber als Begriff auch nicht, denn das steht für Gleichheit und um Gleichmacherei geht es hier auch nicht. Aber was können nun bitte Zustände sein, in denen Gender egal wird oder auch von Anfang an ist?

Gender-Neutralität bei Bourdieu

Eine Beobachtung, die Bourdieu ​(Bourdieu, 1998)​ macht also der Soziologe, der z.B. auch für die Habitus-Theorie steht, ist, dass Liebe irgendwann dazu führt, dass Gender egal wird und die Partner einfach als Menschen zusammen wirken. Das klingt zunächst etwas verwirrend, denn an welcher Stelle könnte Gender relevanter sein als hier, aber auch wir haben im m*w-Projekt, also dem literaturwissenschaftlichen Projekt zum Thema Gender in der Literatur des 19. Jahrhunderts, an dem ich gerade mit meiner Kollegin Marie Flüh arbeite, ähnliche Beobachtungen gemacht. Dort haben wir ja ein Named-Entity-Recognition-Modell erstellt, um weibliche, männliche und neutrale Figurenbenennungen automatisch in literarischen Texten zu markieren. Dort zeigt sich nämlich, dass Koseworte unter Liebenden tatsächlich nicht selten neutral sind, d.h. für Personen jeglichen Genders genutzt werden. Beispiele dafür sind “ mein Schatz” oder “mein Augenstern”.

Gender-Neutralität bei Foucault

Etwas ganz anderes beobachtet Foucault ​(Barbin and Foucault, 1998)​ in seinem vergleichsweise kurzen Text über den Hermaphroditen Herculine Barbin. Barbin wuchs als Mädchen auf, war aber tatsächlich ein Zwitter. Das “Mädchen” fühlte sich zu Mädchen hingezogen, bemerkte natürlich, dass es anders war und entwickelte irgendwann den Wunsch, als Mann zu leben. Es folgten medizinische Untersuchungen, Gutachten und schließlich wurde Barbin per Gerichtsbeschluss zum Mann erklärt. Ordnung wiederhergestellt? Vielleicht, aber glücklich wurde Barbin, jetzt mit Vornamen Abel genannt, nicht. Das Leben als Mann, der mal ein Mädchen war, gestaltete sich schwierig. Barbin, der übrigens zu Zeiten, in denen er noch als junge Frau wahrgenommen wurde, als hervorragende Lehrerin galt, findet nicht langfristig einen Job. Er verarmt und nimmt sich schließlich mit nur 29 Jahren das Leben. Natürlich muss man noch dazu sagen, dass zu Lebzeiten Barbins eine gesellschaftliche Strenge herrschte, die vielleicht, hoffentlich, heute überwunden ist. Foucault arbeitet jedenfalls an Barbins Geschichte die These heraus, dass der Glückszustand tatsächlich nur erreicht wird, wenn Genderfragen egal sind bzw. sich der Mensch nicht über Genderzugehörigkeiten definiert. Bei Barbin gab es diesen Zustand nur in der frühen Kindheit.

Gender-Diversität und Gender-Neutralität sind zwei Konzepte aus den Kulturwissenschaften, aber wie relevant sind sie für unsere Gesellschaft? Wie kommen wir zu weniger Diskriminierung und mehr Gleichheit? Der Versuch einer Annäherung. #Kulturwissenschaft #Bildung #Diversity #Equality

Gender-Diversität und Gender-Neutralität

So, nun liegen die beiden Konzepte vor uns auf dem Tisch. Wofür sollte man sich denn nun stark machen? Auf welcher Seite von Gender-Diversität und Gender-Neutralität möchte man sich positionieren? Spoiler: Das muss natürlich jeder für sich entscheiden! Aber natürlich sollte man vor der Entscheidung ein paar Argumente wälzen. Für mich sind drei Argumente in der Debatte Gender-Diversität vs. Gender-Neutralität besonders zentral.

Argument 1: Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit

Ganz oben habe ich es ja schon einmal angedeutet: Gender Performanz, ein zentrales Konzept der Diversität, bedeutet Sichtbarkeit. Für Butler ​(Butler, 1991)​ bedeutet das nicht nur freie Wahl im Gender-Repertoire, sondern auch das Ausleben bestimmter Rollen bis zur Überzeichnung. Ironische Überspitzung und Satire kann dabei bedeutsam sein. Diese Aspekte werden vor allem in der Queer-Community genutzt, um darauf aufmerksam zu machen, das ein binäres Gender-Modell nicht funktioniert.

Bourdieu ​(Bourdieu, 1998)​ sieht das etwas anders. Zeitlich gar nicht mal so weit von Butler entfernt, beschreibt er wie in der Homosexuellen-Bewegung Folgendes passiert: Durch eine langwährende Unterdrückung, die sich ganz anders äußert als die Unterdrückung von Frauen, nämlich durch den Zwang zur Verschwiegenheit, gibt es zwei Tendenzen. Die erste ist, aus dieser Verschwiegenheit auszubrechen. Die zweite ist, sich nach einem legitimen Platz in der Gesellschaft zu sehnen. Und zwar einem ganz konservativen, innerhalb der bestehenden Ordnung. Dieser Drang gipfelt für Bourdieu in der Forderung nach gleichgeschlechtlicher Ehe. Außerdem sieht er innerhalb der ganzen homosexuellen Community eine Verherrlichung der Männlichkeit. Fast hat man das Gefühl, wenn man seine Ausführungen liest, das die männliche Herrschaft nirgendwo so stark ist wie hier.

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Ihr merkt schon, wir bewegen uns in der Argumentation von der Sichtbarkeit zur Unsichtbarkeit. Denn Foucault ​(Barbin and Foucault, 1998)​ beschreibt weder die Notwendigkeit zur Performanz noch den Drang der Normierung diverser Gender unter männlicher Herrschaft. Er sieht den Glückszustand im kindlichen Unwissen über Gender. Wenn ich nun einen seiner zentralen Begriffe, den des Diskurses ​(Foucault, 1973)​, nutze, gehört Gender weder in den Gegendiskurs wie bei Butler noch in den Diskurs, wie Bourdieu das Bestreben der homosexuellen Community beschreibt. Gender sollte ein nicht-Thema sein, etwas das uns weder definiert, noch kategorisiert noch sonst irgendwie einengt.

Argument 2: Gleichberechtigung und das Diskriminierungsproblem

Also eigentlich klingt das Letzte schon ein wenig nach Seeligkeitszustand, oder? Also, warum verfallen wir nicht alle einfach ins Gender-mir-egal-Sagen? Nun, weil wir noch nicht so weit sind. Noch gibt es sie ja, die Verschwiegenheitsunterdrückung, die Diskriminierung, die Matrix. Das heißt, wenn wir jetzt einfach alle auf einen Zustand umschalten, in dem wir alle sagen „ist uns egal, sprechen wir nicht mehr drüber“, so würden wir ganz schnell wieder bei dem sein, was Bourdieu beobachtet hat. Dem Totschweigen des Themas. Also gibt es eigentlich nur einen Weg und der bedeutet, mitten durch die Sichtbarmachung durchzugehen, überall zu zeigen, dass Gender divers sein darf und auch, dass das Thema nicht immer nur bierernst betrachtet werden muss, sondern auch satirisch und spaßig sein darf.

Argument 3: Politik

Aber Bourdieu ​(Bourdieu, 1998)​ hat uns ja nicht nur auf die Unterdrückung durch Unsichtbarmachung aufmerksam gemacht, sondern auch darauf, dass auch die Bewegung der Homosexuellen in Richtung Normierung gehen kann. Also lauert die Matrix auch hier? Nun ja, man mag es als konservativ ansehen, heiraten zu wollen. Oder einen guten Job zu bekommen und Karriere zu machen. Aber Fakt ist, dass jeder die Chance dazu bekommen sollte. Denn letztendlich muss für jeden ein Zustand hergestellt sein, indem er selbst entscheiden kann, was er tun und sein möchte. Und so einen Zustand bekommt man eben schlecht ohne politische Entscheidungen hin. Darum ist es so wichtig, dass die rechtliche Gleichstellung wirklich durchgezogen wird. Wenn das alles durch ist, können wir dann vielleicht anfangen Gender-Fragen als wahrhaft egal zu betrachten.

Nicht Gender-Diversität und Gender-Neutralität, sondern Gender-Neutralität durch Gender-Diversität

Du hast es schon gemerkt und die Überschrift hier macht es ganz klar: Wir haben uns ein ganzes Stück von unserer Ausgangsfrage weg bewegt. Denn zu Beginn war ja die Frage, welches der Konzepte von Gender-Diversität und Gender-Neutralität nun eigentlich besser ist. Nun, vielleicht kannst du diese Frage für dich trotzdem beantworten. Ich persönlich, das ist dir sicher klar geworden, finde eindeutig Foucaults Idee des Zustands, in dem Gender-Fragen keine Rolle spielen am besten. Ein Zustand, in dem jeder Leben kann, wie er will und entscheiden kann, wer er sein möchte. Aber bis wir dort sind müssen wir wohl noch eine Menge gendern, auf Ausgeglichenheit achten und an uns und unserer Gesellschaft arbeiten.

Diesen Artikel zitieren: Mareike K Schumacher, "Gender-Diversität und Gender-Neutralität was ist eigentlich ideal?," in Lebe lieber literarisch, Januar 9, 2020, https://lebelieberliterarisch.de/gender-diversitaet-und-gender-neutralitaet-was-ist-eigentlich-ideal/, [zuletzt geprüft: Januar 23, 2020].

  1. ​*​
    Wenn du Student*in der Literaturwissenschaften bist, bist du wahrscheinlich zu jung, um den Film Matrix zu kennen. Wichtig ist hier der Aspekt, dass in dem Film Menschen als eine Art Akku verwendet, also für ihre Energie ausgebeutet, werden. Sie werden dafür an ein System angeschlossen, dass ihnen einerseits eine Realität vorspielt (die Matrix) und ihnen andererseits die Energie für ein echtes Leben abzapft. Natürlich gibt es dann eine Gruppe von Aussteigern, denen es gelingt, der Matrix zu entkommen und dagegen zu kämpfen. Der Film ist eine interessante Dystopie und hat Filmgeschichte geschrieben. Leider sind die Fortsetzungen sehr, sehr schlecht geworden, also wenn du die Matrix schauen möchtest, empfehle ich, nur den ersten Teil zu gucken. Den Rest kann man sich sparen.

Bibliographie

  1. Barbin, H. and Foucault, M. (1998) Über Hermaphroditismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  2. Bourdieu, P. (1998) Die männliche Herrschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  3. Butler, J. (1991) Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  4. Connell, R. W. (1987) Gender and Power. Hoboken: John Wiley & Sons.
  5. Foucault, M. (1973) Archäologie des Wissens. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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